Demokratie und Hochschule: Verlangsamung von Verhandlungsprozessen und Umgang mit Vielfalt

03.12.2019

Rede der Präsidentin (m.d.W.d.G.b.) der HBK Braunschweig, Frau Prof. Dr. Dorothea Hilliger, anlässlich des Aktionstags „Let’s talk“ am 6. November 2019.

Liebe Angehörige der HBK, liebe Gäste!
Die heutige Veranstaltung ist mit einer Aufforderung verbunden: LET’S TALK! Ich begrüße Sie alle ganz herzlich, die Sie diese Aufforderung angenommen haben!
Das Thema der Gespräche ist gesetzt: Wir werden über sexualisierte Diskriminierung, Belästigung und Gewalt an künstlerischen Hochschulen sprechen. Wir werden uns also, nicht nur, aber auch, mit uns selbst beschäftigen. Mit uns als Hochschule – und mit uns als Angehörige dieser Institution.

Diese Veranstaltung ist ein wichtiger Baustein in der Entwicklung der Hochschulkultur, in der wir regeln, wie wir miteinander umgehen wollen. Welche Ziele setzen wir uns, welche Regeln finden wir, welche Freiräume haben wir und wie wollen wir sie gestalten? An welcher Stelle treten wir in eine Verhandlung ein – und was ist nicht verhandelbar? Auf welche Grundhaltungen beziehen wir uns, welche Konzepte verfolgen wir, welche Ressourcen haben wir, welche Werte sind uns wichtig und wie können wir all das lebendig werden lassen?

Als eine öffentliche Institution, zumal eine Bildungsinstitution, stehen wir diesbezüglich in einer ganz besonderen Verantwortung. Wir sind ein Ort, an dem junge Menschen einen wichtigen Schritt tun auf dem Weg zu einem eigenverantwortlichen Leben. Hierfür muss die Institution selbst Vorbildcharakter gewinnen. Im besten Fall wirkt sie so auch nach außen. Auf alle Fälle aber haben wir diejenigen zu schützen, die sich in dieser Institution in einer abhängigen Position befinden.

In der Aufforderung „Let’s talk“ steckt eine zutiefst demokratische Geste. Diese These möchte ich mit meinem Grußwort untermauern und hierfür drei Handlungsperspektiven skizzieren. Sie sind Bestandteil dieses Tages und sollten, so meine ich, auch weiterhin Gültigkeit haben.

Erstens: Verlangsamung von Prozessen als Bestandteil von Demokratie.
Was hat Verlangsamung mit dieser Veranstaltung zu tun?
In einem Kommentar des Deutschlandfunks, den ich kürzlich per Zufall hörte, ging es um die Beauftragten der Bundesregierung. Am Beispiel dieser unabhängigen Berater*innen, von denen es aktuell 39 gibt, beschrieb die Kommentatorin anschaulich die Bedeutung der Verlangsam von Verhandlungsprozessen. Sie rief das etwas archaisch anmutende Bild auf, in dem zwei sich in Haltung und Gesinnung feindlich gegenüberstehende Haufen gewaltvoll aufeinander losgehen. Ein Mittel gegen solcherart ungebremste Gewalt, wie auch immer sie sich im Detail äußern mag, sind dazwischen geschaltete Prozesse, die für die Austragung von Kontroversen und Konflikten einen institutionalisierten Weg bereitstellen. Die Aufgabe von Beauftragten kennzeichnete die Kommentatorin als Kampfauftrag. Das war nicht als Aufforderung gemeint, in das archaische Bild zurückzufallen. Beauftragte befeuern Kontroversen nicht, unterdrücken sie aber auch nicht, sondern schlagen gangbare Wege zur Bearbeitung vor.

Demokratische Prozesse verlangsamen Entwicklungen, insofern Entscheidungsprozesse reflektiert verlaufen müssen. Dazu gehört es, Probleme aufzuwerfen und Fragen erst einmal zu formulieren. Diese müssen mehrperspektivisch diskutiert werden, Fachperspektiven werden eingeholt, Betroffene angehört usw. Die ganztägige Veranstaltung heute ist Teil eines solchen Verlangsamungsprozesses. In der Frage, wie es gelingen kann, einen solchen Verlangsamungsprozess qualitativ hochwertig zu gestalten, bringt uns eine Überlegung der Publizistin Carolin Emcke auf eine gute Spur. Sie schlägt vor, den Begriff ‚queer‘ weniger als Adjektiv denn als Verb zu denken und fordert uns damit zum Handeln auf. Als Übersetzung von to queer oder to queer something schlägt sie vor „etwas unterlaufen, durchkreuzen, vereiteln, ….“ Auf diese Weise ließe sich „das Essentialisierende, identitär Verklumpte“ (Emcke: Ja heißt ja und …, 2019, S.49) immer wieder auflösen. Das ist ein bisweilen mühsamer und langwieriger Weg. Aber es rächt sich langfristig, hier Abkürzungen zu nehmen und auf einfache Antworten zu setzen.

Zweitens: Von Subjekten ausgehen – Kontexte in den Blick nehmen.
Die durch #MeToo ausgelöste gesellschaftliche Debatte hat gezeigt, wie wesentlich es ist, subjektive Erfahrungen zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Debatten zu machen. Zwar ist die Einsicht, dass auch das Private politisch zu verstehen sei, keineswegs neu. Sie war Bestandteil der Frauenbewegung der 60er Jahre. Auch im damaligen Kampf – vornehmlich von Frauen – gegen den Abtreibungsparagraphen 218 und für die Bezahlung von Hausarbeit wurde auf Herrschaftsstrukturen verwiesen, die wie selbstverständlich verschiedene Nachkriegsdemokratien in Europa prägten. Die Frage danach, wie genau das Private politisch zu verstehen sei, hat aber aktuell eine Dimension hinzugewonnen.

Angestoßen durch #MeToo, aber auch durch globale Entwicklungen, stehen wir am Anfang einer neuen Gerechtigkeitsdebatte. Hier ist teils sehr differenziert in den Blick geraten, in welchem Maße bis in unsere ganz privaten Haltungen, Emotionen, Denkweisen und Möglichkeiten hinein unsere westlichen Gesellschaften auf struktureller Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung fußen. Das stellt uns vor die Herausforderung, uns selbst zu befragen, verschiedene Perspektiven auf die eigene wie auf fremde Positionen einzunehmen und sie in ein Verhältnis zu den Strukturen zu setzen, von denen wir ein Bestandteil sind.

Wir alle bewegen uns in komplexen Zusammenhängen mit ganz unterschiedlichen Hierarchien und Machtkonstellationen und nehmen hier verschiedene Positionen ein. Wir sind niemals nur das eine oder das andere. Um uns zu reflektieren, müssen wir auf uns selbst wie auf andere unterschiedliche Perspektiven einfangen – und aushalten. Dafür mag der Tag eine Übung sein. Der Soziologe Dirk Baecker formuliert: „Kennzeichen des kultivierten Menschen ist nicht dessen Einklang mit sich selbst, sondern dessen reflexive, um nicht zu sagen rebellische Unruhe.“ (Baecker, Beobachter unter sich, 2013, S. 12) Vielleicht kann man auch diese Haltung üben.

Drittens und letztens: Widersprüche auszuhalten und einen strukturierten Umgang damit zu fordern, ist keine moralische Geste, sondern die demokratische Perspektive selbst.
Wir werden aktuell Zeugen eines neuen, durchaus breit aufgestellten Gerechtigkeitsdiskurses, der die Zivilgesellschaft berührt, die Politik, die Kunst, die Wissenschaften und uns selbst.
Und wir haben eine Abwehrbewegung, die sich auf eine das deutsche Volk betreffende Identität beruft und darin eindeutig zu definierende Subjekt- und Lebensformen zu identifizieren meint. Das ruft eine vermeintliche Eindeutigkeit auf, die aller Gerechtigkeit vorausgeht und damit außerhalb der Kritik und Infragestellung zu stehen beansprucht.

Er ist aber Teil des Politischen einer Gesellschaft, durch die Offenlegung und Thematisierung von Dissens und Konflikt, Widersprüche und Hegemonien nicht einseitig aufzulösen, sondern offen zu halten. In einem Demokratieverständnis, welches von der Veränderbarkeit aller gesellschaftlichen Verhältnisse ausgeht, muss der Streit um Positionen sichtbar bleiben und offen ausgetragen werden.

Es ist die Demokratie selbst, die solcherart komplexe kulturelle Thematisierungen fordert. Die öffentliche Thematisierung daraus resultierender subjektiv wie politisch relevanter Einsichten und Erkenntnisse - auch über eigene blinde Flecken – wird überhaupt erst durch einen demokratischen Rahmen ermöglicht.

Hier haben wir, gerade als Hochschule, nicht nur eine sehr spezifische Verantwortung, sondern auch sehr spezifische Möglichkeiten.
Unerwartete Perspektiven zu öffnen und einzufangen und auf eindrückliche, vielleicht auch verstörende Weise in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, ist Bestandteil der Kunst, die wir machen, der Wissenschaft, die wir entwickeln und der Pädagogik, die wir vertreten. Und zwar indem wir auf Komplexität bestehen, eindimensionale Deutungen nicht zulassen und unsere Arbeit im Zusammenspiel von Praxis und Theorie, Kunst und Pädagogik beständig neu befragen.

Mein Dank für „Let’s talk“ geht abschließend an all diejenigen, die diese Veranstaltung vorbereitet und auf die unterschiedlichsten Weisen ermöglicht haben. Allen voran Frau Erdmann [Gleichstellungsbeauftragte der HBK Braunschweig, Anm. d. Red.]! Und an alle, die hier mitdiskutieren, Impulse hereintragen und Wege gangbar machen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Zuletzt bearbeitet von Kommunikation und Medien, Jesco Heyl am 04.12.2019

 

© HBK Braunschweig 2019.