Zur Navigation - Metanavigation überspringen |
Zum Inhalt - Navigation überspringen |
Zur Marginalspalte - Inhalt überspringen |

Vanitas in den Künsten der Gegenwart

Interdisziplinäres Forschungsprojekt von Prof. Dr. Victoria von Flemming, Institut für Kunstwissenschaft der HBK Braunschweig und Prof. Dr. Claudia Benthien, Institut für Germanistik, Universität Hamburg.

Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung (ab 01.07.2019)


Mehrere große Kunstausstellungen der letzten Jahre haben gezeigt, was sich auch für Literatur und Theater feststellen lässt: eine genreübergreifende Wiederkehr des barocken Vanitas-Motivs in den Künsten der Gegenwart. Aber warum tritt gerade jetzt ein Thema zu Tage, das mit einer kleinen ins fin de siècle datierbaren Ausnahme seit dem Ende des 17. Jahrhunderts verschwunden war? Rächt sich hier was über Jahrzehnte hinweg mit der Tabuisierung von Tod und Sterben verdrängt worden war? Ist es die desillusionierende Erfahrung von Ohnmacht in einer Gesellschaft, die in ihrer Hybris Tod und Vergänglichkeit primär als Aufschub verhandelt, indem sie ewige Jugend, Schönheit, sexuelle Potenz und sogar Macht über die Reproduzierbarkeit des Menschen verspricht? Die andererseits aber mit dem bereits von Walter Benjamin konstatierten Verlust der Heilsgewissheit und dem zunehmenden Verzicht auf Religiosität und Glauben den hier erfahrenen Trost über die eigene Sterblichkeit geopfert hat?

Hat die Verbreitung von Drogen und häufig tödlich endenden Krankheiten wie Aids und Krebs oder die Zerstörung der natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens die eigene Endlichkeit wieder so stark ins Bewusstsein gerufen, dass eine traditionell mittels des Vanitas-Motivs beklagte Vergeblichkeit und Fehlorientierung des viel zu schnell verrinnenden Lebens wieder virulent wird? Die Aktualität der Vanitas ist sicherlich Teil einer neuen Sichtbarkeit von Tod und Sterben, doch ist das ursprüngliche Denkmodell ungleich vielschichtiger. Geht es doch ebenso um Reue über ein Leben, das als sinnlos vertan, als von vergeblichen Mühen geprägt wahrgenommen wird und doch alternativlos zu sein scheint.

Erst vor diesem Horizont wirft eine Beschäftigung mit dem Phänomen eine Reihe von Problemen auf. So ist durchaus fraglich, ob die sich in Inszenierung von Totenschädeln manifestierende Sichtbarkeit, das performative Ausstellen von verwesenden Früchten und Tieren, das ostentative Rauchen auf Bühnen oder das Zelebrieren misogyner Weltverachtung in der Literatur wirklich Indizien für Rekurse auf eine überaus komplexe Denkfigur sind. Die Zuverlässigkeit, mit der in der Frühen Neuzeit symbolisch codiert und entsprechend verlässlich dechiffriert werden konnte, ist in der Gegenwart nicht mehr gegeben. Deshalb untersucht das Projekt, welche Facetten des Motivs in der Gegenwartskultur aufgegriffen, welchen mit der Wiederholung einhergehenden, von Parodien bis zur vollständigen Entleerung reichenden Resemantisierungen sie unterworfen worden sind.

Eine die frühneuzeitlichen Ausprägungen angemessen berücksichtigende Auseinandersetzung mit Vanitas in der Kultur der Gegenwart stellt bislang eine auffällige Forschungslücke dar. Diese zum einen mit Blick auf die theoriegeleiteter Reflexion des Phänomens der Wiederkehr, zum anderen mit Fokussierung auf die damit einhergehenden Bedeutungsverschiebungen zu schließen, ist Aufgabe und Ziel des vorliegenden Projekts. Neben Theorieansätzen zu Wiederholung, Rekursivität und Transformation sind zeittheoretische, seit einiger Zeit in den Kulturwissenschaften relevante Überlegungen für das Projekt besonders wichtig.

Das Projekt wird als Kooperation von Literaturwissenschaft und Kunstwissenschaft realisiert. Die im Zentrum stehenden Bereiche der zeitgenössischen Literatur, bildenden Kunst und des Theaters sind hinsichtlich der Vanitas-Thematik eng miteinander verschränkt. So ist zum Beispiel sowohl in autobiografischen Erzähltexten als auch in fotografischen Stillleben ein intensiver Rekurs auf Vanitas zu finden: In beiden Genres geht es um die konkrete Auseinandersetzung eines Subjekts mit eigener Hinfälligkeit, mithin um eine mit dem Motiv eng verknüpfte Selbstreflexion in der künstlerischen Darstellung.

Die Forschungen umfassen ers¬tens historische und intermediale Vergleiche, zweitens Querschnitts¬analysen zentraler Vanitas-Motive sowie drittens close readings einzelner Werke unter dem Epochencode ‚barocke Vergäng¬lichkeit‘. Vanitas in den Künsten der Gegenwart soll vergleichend in den folgenden sechs Genres untersucht werden, die eine Reihe von Verschränkungen aufweisen: 1. Lyrik, 2. Prosa, 3. Theater, 4. Installationskunst, 5. Videokunst, 6. Fotografie.

Für alle sechs Genres wurden vier übergreifende Untersuchungsperspektiven entwickelt: Während unter der Perspektive der Symbolik der Vanitas die mit Wiederholung einhergehenden Resemantisierungen, Inversionen, Komisierungen oder auch Entleerungen in den zeitgenössischen Künsten untersucht werden, sollen unter der Überschrift Ästhetik der Vanitas Materialität, Medialität und damit einhergehende Reflexionen von Zeitlichkeit sowie phänomenologische Aspekte der Erfahrbarkeit des ‚Vergehens‘ im Zentrum stehen. Die dritte Untersuchungsperspektive, Anthropologie der Vanitas, thematisiert künstlerische Auseinandersetzungen mit Endlichkeit und Mortalität sowie die Spannung von Selbst-und Fremdbestimmtheit, Macht und Ohnmacht, während die vierte, Kritik der Vanitas, das kritische Potenzial aktueller künstlerischer Ausprägungen des Motivs auslotet. Dies umfasst die dialektische Einheit von carpe diem und Lebensklage ebenso wie eine daran geknüpfte, nicht selten moralisch fundierte Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen.